Arbeitstitel

Der Regen hämmerte auf das Dach. Kalter Wind fegte durch die Öffnungen der Fenster und Löcher in den Wänden. Ein Feuer prasselte rechts von Beatrice „B“ Lack. Sie hatte sich in den letzten Sitzsack zurückgezogen und es sich mit einer Decke gemütlich gemacht. Die große Tonne, in der das Feuer brannte, spendete Wärme.
Ihr gegenüber saß Tite. Ihr Bruder Titus Lack. Er starrte mit seinen hellgrünen Augen wie immer verträumt aus dem Fenster. Sicher dachte er an seine Alice. Alice Mock oder von allen nur Ali genannt. Echte Namen wurden eigentlich nie verwendet. Sicherheit. Das hatte Tite mal entschieden. Seitdem hieß Beatrice unter ihren Freunden eben B.
Die beiden warteten. Wenn es regnete, dauerte es meistens nicht lange, bis ihre Freunde auftauchten. Der Regen war sowieso schädlich für die Haut. Zwar nicht so, wie im Ödland weit von der Stadt entfernt, aber es reichte um einen qualvollen Tod zu sterben.
Keiner kannte die Ursache. Niemand hatte sie erlebt. Und doch litten alle unter den Folgen. Vor über fünfhundert Jahren hatte die Menschheit viele Fehler gemacht. Atomreaktoren, Fabriken, Abgase. Krieg um Müll und Öl. Das hatte sie irgendwo mal gelesen. Leider war das Buch nicht mehr zu retten. Wie vieles aus der alten Welt. Sie kannte kein Öl, aber Krieg, das war ihr bekannt.
Sie führten jeden Tag Krieg. Mit der Umwelt. Mit dem Regime. Krieg, um zu überleben. Mehr wollten sie nicht. Leben.
Es klopfte an der Tür. Die Geschwister wurden aus ihren Gedanken gerissen.
„Wurde auch Zeit.“, schmunzelte Tite und stand auf.
Beatrice setzte sich richtig hin. Sie würde für Ali oder Dog Platz machen. Wenn es anfing zu regnen, dann fielen die Tempertaturen um teilweise 20 Grad. Da war es angenehm jemanden nah bei sich zu haben. Und Ali war eine richtige Frostbeule.
„Jo. Tite!“, tönte es lautstark, als Titus die Tür öffnete. „Was geht, mein Bruder?“
„Mesh. Komm rein.“
Mesh war gekommen? Marshell Ven. Beatrice hat ihn auf eine sehr unübliche Weise kennengelernt. Er hat ihren Hackangriff auf eine Augmentfabrik abgefangen und sie fingen an über Primzahlen miteinander zu kommunizieren, als sie endlich seine Codierung geknackt hatte. Es hatte Wochen gedauert, aber Beatrice empfand ihn als den lang ersehnten würdigen Gegner. Heute waren sie Freunde.
Das war etwas, was sowohl Mesh, als auch Beatrice verstanden: Computer. Zwar gefiel es ihr an Robcops rumzuschrauben, um die letzten Polizisten in den Wahnsinn zu treiben, aber ihre wahre Passion waren Netzwerke. Und es gab sehr viele in der Stadt. Sie liebte es mit Mesh zu fachsimpeln.
„B.“, grinste der gutaussehende Hacker, als er neben ihr stand. Er hatte die braunen, schulterlangen Haare zusammengebunden, was die markante Gesichtsform nur noch mehr hervorstechen ließ. Seine schmalen Lippen grinsten schief und die dunkelbraunen Augen huschten kurz zum Feuer. Sie leuchteten wunderbar.
„Hey, du Schönling.“, antwortete sie. „Setz dich.“
Mesh zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben das Feuer. Er hielt die großen Hände in Richtung der Flammen. Beatrice winkelte die Beine an und sah ebenfalls zu dem Feuer.
„Sind die anderen noch nicht da?“, fragte Mesh
„Die kommen sicher noch.“ Beatrice seufzte einmal. Sie hoffte es zumindest. Es war kein Geheimnis, dass Menschen verschwanden. Eigentlich hatten die Polizisten keinen Grund Ali, Dog oder sonst jemanden von ihrer Gruppe verschwinden zu lassen. Aber manchmal geschah das einfach so.
Tite setzte sich wieder zu ihnen und grinste leicht.
„Und Mesh? Irgendwas Neues?“

„Nö. Ich hänge mich gerade ein neues Projekt. Habt ihr Lust mitzumachen?“
Tite schüttelte den Kopf. „Nein. Ich will mich erstmal daraus halten.“
„Dabei hatte ich gedacht, dass als erstes anspringen würdest. B?“
Auch Beatrice schüttelte den Kopf. „Nein, danke. Ich verzichte auch erstmal.“
Mesh zuckte mit den Schultern. „Eure Schuld.“
Das Geschwisterpaar lachte und auch der Hacker stimmte mit ein. Eigentlich fühlte sich Beatrice wohl in der Stadt. Der Abgrund zwischen arm und reich wurde zwar immer weiter und Beatrice gehörte zu den Armen, aber sie war reich an Freunden. An wahren Freunden.
„Jo! B! Tite!“, ertönte es plötzlich vor der Tür. Titus stand auf und grinste. Das war Dog.
Dog, Beatrice kannte seinen richtigen Namen nicht, war einer ihrer besten Freunde. Mit ihm würde sie ins Ödland fahren, nur damit er eine neue Sonnenbrille von den Banditen dort kaufen könnte. Wäre ihm zuzutrauen. Der schwarze Mann war immer gut drauf und hatte immer einen lockeren Spruch drauf. Egal wie mies Beatrice es ging, er konnte sie immer aufmuntern.
Bei Dog war Ali. Die Freundin von Titus. Beatrice mochte sie. Sie hatte blonde, lange Haare, die sie immer schön frisiert hatte und eine schmale Taille. Ein wunderschönes Gesicht, fand zumindest Beatrice. Und Tite sicher auch. Beatrice wusste, wie sehr er sie liebte. Immerzu sprach er davon ihr irgendwann ein schönes Leben bieten zu können. Dafür versuchte er alles, aber das war schwer. Arbeit gab es kaum und wenn dann nur in den Augmentfarbriken, wo man sich totarbeitete. Oder in den alten Mienen, aber da überlebte man aufgrund der Strahlung keine fünf Jahre. Für gewöhnlich wurden dort Verbrecher hingeschickt.
Als Verbrecher galt man schon, wenn man dem Königshaus zu nahe kam. Oder wenn man nur den Namen von König Charles IV aussprach. Vermutlich war das nicht mal sein richtiger Name.
Alice setzte sich zu Beatrice.
„Hey B.“, lächelte sie und Bea legte ihre warme Decke mit um die Frau. Zusammen kuschelten sie sich in den Sitzsack.
„Hey Ali. Wie geht es dir?“
„Gut. Und du? Was gibt es Neues?“
„Nichts, was du nicht sowieso wüsstest.“
Alice kicherte nickend und legte den Kopf auf Beatrice‘ Schulter. Als letzter im Bunde erreichte auch noch Dad sie.
Dad war eigentlich nicht ihr richtiger Vater. Er war der Älteste und so nannten ihn alle so.
Der richtige Vater von dem Geschwisterpaar war Polizist. Kurz nachdem ihre Mutter starb, setzte er Beatrice und Titus einfach auf die Straße. Das war sie sechs Jahre alt. Titus war elf Jahre.
Zuerst haben sie gebettelt, bevor Titus anfing Bea alles über Computer und Roboter beizubringen. Sie starteten zusammen kleine Hackangriffe auf öffentliche Einrichtungen und Fabriken. Ein bisschen Geld kam dabei rum, zumindest konnten sie davon leben.
Augmente haben sie nicht gelernt. Beide ließen die Finger davon.
Augmente waren Verbesserungen für den Körper. Wenn man ein Bein verlor oder ein neues Herz brauchte, konnten diese mechanischen, teilweise biomechanisch, Körperteile eingesetzt werden. Irgendwann merkten die Menschen, dass man durch sie besser wurde. Immer mehr sinnlose Augmente wurden erfunden, verbessert und eingebaut. Heutzutage laufen teilweise fast komplett mechanische  Menschen herum. Unruhen wurden lauter und Gruppierungen bauten sich auf.

Für ein freien Mensch
Für die Natur
Zurück, was uns gehört

Das waren einige Parolen, die überall hingeschmiert wurden. Sie nannten sich AMH-AntiMechaHuman. Dummer Name fand Beatrice. Viel zu offensichtlich.
Neben diesen AMH gab es auch die andere Seite. Und Rebellionen gegen den König. Und vieles mehr.
Der Augmenthandel auf dem Schwarzmarkt boomte. Die Kehrseite war, dass menschliche, echte Organe und Körperteile an Gewinn fanden. Sogenannte Butcher entführen Menschen und weideten sie aus. Mittlerweile meinte zwar die Polizei, dass sie gegen Butcher vorgehen würden, aber Beatrice wusste es besser. Sie konnte die Polizeiberichte hacken.
Also blieb es gefährlich. Besonders beliebt waren Kinder für ihre Haut. Wer nicht aufpasste, dem wurde das Kind aus dem Kinderwagen gestohlen. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken bei dem Gedanken.
Ali war neben ihr eingeschlafen. Dog redete lautstark mit Dad und Tite beobachtete seine Freundin. Es war alles wie immer. Und vielleicht würde es auch immer so bleiben.
Der Regensturm ebbte langsam ab, aber es war bereits Nacht. Dog und Dad würden sicher bald abhauen. Mesh würde mit Beatrice die halbe Nacht diskutieren und Tite und Alice würden sich ein gemütliches Plätzchen zu zweit suchen. Einmal hatte ihr Bruder sogar von Kindern gesprochen, Ali hatte abgewehrt. Sie wollte kein Kind in dieser Welt großziehen. Das verstand Beatrice nur zu gut. Extremisten und Butcher?
Tite kam zu ihnen rüber und kniete sich vor sie. Er strich Ali eine Strähne von der Stirn, die daraufhin müde blinzelte.
„Sollen wir schlafen gehen?“, fragte er. Alice nickte und gähnte einmal.
„Ihr könnt hier schlafen.“, schlug Beatrice vor. „Ich kann dir Platz machen. Irgendwo wird sicher ein anderer Schlafplatz für mich sein.“
„Schon gut, B. Wir gehen.“, murmelte Ali neben ihr und richtete sich auf. Es wurde etwas kälter ohne die schlafende Frau neben sich. Das Paar verschwand und ließ Mesh und B alleine. Die Frau drehte den Kopf zu ihm und schmunzelte.
„Was hast du denn im Moment am Laufen?“, fragte sie neugierig und drehte sich auf die Seite.
„Du willst ja nicht mitmachen.“
„Komm schon. Vielleicht kann ich dir ja Tipps geben.“
„Du mir?“ Mesh lachte einmal. „Klar.“
„Ich habe deine Codierung geknackt.“
„Die war auch dafür ausgelegt. Warum sonst hätte ich dir die Nachricht geschickt? Ich wollte nur wissen, wie gut du bist.“
„Gut genug?“
„Bin ich hier?“
„Ja.“
„Da hast du deine Antwort.“
Beatrice lachte leise und rieb sich die Augen.
„Bist du müde? Soll ich dich alleine lassen?“, fragte Mesh.
„Wo pennst du heute Nacht?“
„Weiß noch nicht. Vielleicht in meiner Bude? Könnte sicher sein. Zumindest die letzten drei Wochen kam mir kein Cop auf die Spur. Die sind alle Dumm wie Scheiße.“
„Stimmt. Du kannst auch hier schlafen. Ich schmeiß dich nicht raus.“
„Mal schauen.“, brummte der Mann und zog eine Achsel hoch. „Ich vermisse nur meinen Computer.“
„Den du natürlich bei dir gelassen hast.“
„Wo auch sonst?“
„In einem der unzähligen leeren Häuser?“
„Wenn mich niemand zurückverfolgt, habe ich auch keine Probleme.“
„Und wenn doch?“
„Dann ziehe ich eben wieder um. Wie oft haben wir die letzten fünf Jahre unsere Bleibe gewechselt?“
„Zusammengezählt oder du und ich alleine?“
„Zusammen?“
„Keine Ahnung. Ich hätte dir weder das eine, noch das andere sagen können, Mesh. Tite sagt, dass es so am besten ist.“
„Ja. Und wir wissen beide, dass Tite ziemlich Recht hat. Schade, dass er nicht mehr in unserem Business ist.“
„Unserem Business? Wer kann es ihm verübeln? Stell dir vor du hast ne Freundin. Würdest du ihr zumuten ständig verfolgt zu werden?“
„Keine Ahnung. Ich suche keine Frau in meinem Leben. Ich habe doch dich.“
„Ha. Ha. Sehr witzig. Ich bin nur ein schlechter Ersatz für deine Liebesphantasien?“
„Oder ein guter Ersatz. Mit dir kann ich wenigstens über alles reden, ohne dass du dumm aus der Wäsche schaust.“
„Ich glaube nicht, dass das vergleichbar ist, Mesh.“
„Nein. Aber es reicht mir.“
„Das nehme ich als Kompliment.“
Mesh nahm einen imaginären Hut von seinem Kopf und verneigte sich leicht. Bea verdrehte lächelnd die Augen und schloss sie dann.
Innerhalb der nächsten zwei bis vier Stunden würden die Temperaturen wieder steigen. Und am Morgen wäre es wieder gewohnt heiß. So war das Leben…

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