Der Goldene Sturm

 

Seufzend hob Lina die Kanne aus Metall hoch und wollte sich verdünnten Wein einschütten, aber es plätscherte kurz, dann war die Kanne leer. Der dünne rote Saft bedeckte gerade einmal den Boden des Bechers.

 

„Das kann doch jetzt nicht wahr sein.“, brummte sie und stand auf, nahm die Kanne in die Hand und ging aus ihrem Arbeitszimmer, zwei Etagen unter dem Schlafzimmer des Königs. Sie tappte durch die Gänge, ihre weichen Schuhe schmeichelten ihren wund pochenden Füßen und verursachten nur ein sanftes, beinahe unhörbares Rascheln auf dem Stein der Gänge. Lina nahm sich fest vor, ihr Arbeitszimmer mit weichen Teppichen auszulegen.

 

Auf halbem Weg zur Küche kam ihr Goren entgegen, sein Kopf mit den kurzgeschorenen braunen Haaren gesenkt, den Blick auf etwas in seiner Hand gerichtet. Lina drehte etwas den Kopf, um ihr Gesicht von ihren Haaren verdecken zu lassen. Die braunen Haare fielen wie ein Vorhang und Lina konnte einen Blick auf die Handfläche des anderen Beraters werden.

 

Blut. Kochendes Blut brodelte in seiner Hand.

 

Lina tat so, als hätte sie nichts gesehen, obwohl ihr Herz plötzlich raste. War das Blutmagie gewesen? Das war doch verboten, oder nicht? Sie schluckte und trat hinter eine Ecke, sah Goren hinterher. Der Mann schien sie nicht bemerkt zu haben, ging weiter durch den Tunnel und trat dann in einen Gang, der zu einem der leerstehenden Aussichtstürme führte.

 

„Was will er da?“, murmelte Lina vor sich hin, Rolands Worte im Hinterkopf. Sich von ihm fernzuhalten schien ihr die beste Möglichkeit zu sein. Aber das kochende Blut in seiner Hand machte sie nervöser, als Lina es zugeben wollte. Also traf sie eine Entscheidung und folgte Goren auf ihren weichen Schuhen, die Kanne aus angelaufenem Metall gegen ihre Brust gepresst.

 

Goren war bereits in der Mitte des Ganges angelangt, den Kopf immer noch gesenkt. Lina war sich sicher, dass er sie nicht bemerkt hatte, als er dann am Ende des glatten Ganges die Wendeltreppe nach oben erreichte und mit gesenktem Kopf nach oben ging. Lina hastete dem Mann hinterher, die Kanne noch immer fest an sich gedrückt. Ihre zerstochenen Pusteln schmerzten wie ihr jagendes Herz, das gegen ihre Rippen hämmerte. Wieso hatte sie solche Angst?

 

Vorsichtig steckte sie den Kopf in die Wendeltreppe. Goren war nirgends zu sehen und Lina hörte ihn und seine genagelten Stiefel nicht mehr. Auf leisen Sohlen schlich sie die Wendeltreppe hinauf, versuchte die Wände zu vermeiden, damit ihr Kleid kein Geräusch verursachte. Ihr Puls raste in ihren Ohren und sie hatte das Gefühl, dass ihr Atem unnatürlich laut war und Goren sie hören musste.

 

Aber das tat er nicht. Lina hörte ihn weiter oben etwas murmeln und folgte der Stimme weiter nach oben. Ihre weichen Sohlen raschelten auf dem harten Stein und dann stolperte sie auf einem Absatz, konnte gerade ihr Gleichgewicht so halten. Sie war endlich oben angekommen und Gorens Stimme war nahe, vermutlich nur eine Wand von ihr getrennt. Eine andere Stimme, leiser und seltsam gefährlich, antwortete ihm.

 

„Was zum…?“, murmelte Lina leise, raffte ihr Kleid und drückte die Kanne schmerzhaft an ihre Brust, dann schlich sie langsam um die Rundung des Turms, bis sie um die Rundung des Torbogens linsen konnte.

 

Goren kniete auf dem Boden, beide Hände wie einen Kelch gefaltet. In seinen gefalteten Handinnenflächen schimmerte eine größere Lache Blut, beleuchtete das eingefallene Gesicht des Mannes rubinrot. Die kleine Gestalt eines jungen Mannes aus flüssigem Blut sah zu Goren auf.

 

„Das Werk geht voran. Allerdings haben meine Sklaven sie verloren.“, wisperte der Mann aus Blut leise zu Goren. Lina musste sich anstrengen, um den Mann zu verstehen. Seine Stimme hörte sich an wie das Zischen einer Schlange und schien vor Macht nur so zu vibrieren.

 

„Hier weiß auch niemand von Euch.“, sagte Goren ebenfalls leise. „Der König nicht, dieser Roland nicht und auch nicht die nervige Wanze von Beraterin.“ Lina schluckte eine Antwort herunter, hörte weiter zu. Was ging hier vor? Wer war dieser Mann und warum hatte Goren mit ihm zu tun?

 

„Das ist gut. Meine Schwingungen sind gut genug durch die Berge abgeschirmt. Wenn du diese Frau siehst, setze sie fest. Töte ihren Begleiter, wenn du kannst oder magst, mir ist er egal.“, wisperte der Mann.

 

„Ja, Herr. Aber bisher sind sie nicht aufgetaucht.“, antwortete Goren. „Habt Ihr weitere Anweisungen für mich?“

 

„Nein. Pass auf, dass wir nicht entdeckt werden, ansonsten alles wie gehabt. Denk an deine Belohnung in deinen Tagen in den hohen Hallen Hrothgars.“ Der Mann neigte den Kopf zu seinem Untergebenen und plötzlich fing das Blut in Gorens Hand an zu brennen. Der Mann zuckte nicht einmal mit einer Wimper und wartete, bis das Blut in seinen Händen verbrannt war, dann stand er auf. Lina zuckte, war bereit den Rückzug anzutreten, aber Goren kam nicht in ihre Richtung. Er ging zu der Brüstung des Turmes, legte seine Hände auf den Stein. Seine Haut schimmerte rot.

 

„Verzeiht, was ich tue. Ich tue es für die Kinder.“, murmelte er. Lina runzelte die Stirn und zuckte zurück, als der Mann sich umdrehte. Hastig lief sie die Wendeltreppe herunter, versuchte keine Geräusche zu machen und nicht zu fallen oder mit der Kanne am Stein entlang zu kratzen. Sie lief den ganzen Weg zurück bis zur Küche, füllte hastig die Kanne mit verdünntem Wein und ging zu ihrem Arbeitszimmer, versuchte ihr jagendes Herz schnell zu beruhigen. Goren kam ihr entgegen, wieder mit gesenktem Kopf. Er sah verhärmt aus, die Falten um seinen Mund hatten sich vertieft, die Ringe unter seinen Augen sahen dunkler aus als heute Morgen noch. Lina setzte sich in ihren weichen Stuhl und füllte sich den Becher auf, lehnte sich zurück.

 

„Für die Kinder?“, murmelte sie zu sich selbst. „Wessen Kinder? Unsere Kinder?“ Sie schüttelte den Kopf. „Was hat er vor?“ Sie trank einen Schluck Wein, ließ den Blick über die frischen und zerknitterten Pergamente schweifen und gab ein Stöhnen von sich. „Was kommt denn noch?“

 

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